Perlen der Übersetzung

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Schauqi Bzia (Dichter aus Libanon)
Enzensberger auf Arabisch: Poesie ist Betrug, das Leben auch

Die Gedichte Hans Magnus Enzensbergers, eines der bedeutendsten deutschen Dichter der Gegenwart, die Amal Al-Jubouri in „Die Scheidung der Poesie von der Lust“ (Berlin 2001) ausgewählt hat, vermögen kaum, die vielfältige Welt dieses Dichters ganz zu erschließen, sie bieten aber zumindest einen Einblick in einige Charakteristika seines Schaffens und lassen seine wichtigsten Züge zu Tage treten. Es ist wichtig, dass arabische Leser sich mit einer poetischen Empfindsamkeit vertraut machen können, die so ganz anders ist als das, was sie von ihrer Muttersprache her gewohnt sind, die so voller Emotion und Klang und so weitschweifig, lyrisch und vortragsbetont ist. Freilich stellt das Enzensbergersche Gedicht auch in der deutschen Poesie etwas Außergewöhnliches dar; es entfernt sich weit von den religiösen und theologischen Wurzeln der Dichtung eines Novalis, vom Tragischen und Meditativen bei Rilke und Hölderlin wie auch von dem historisch instrumentalisierten Realismus Brechts. Die Dichtung Enzensbergers geht in eine andere Richtung; sie repräsentiert einen Bereich zwischen Gefühlen und ihren Nuancen, zwischen Materie und ihrer Konnotation in der Tiefe des Bewusstseins. Sie ist „sprachliche Mixtur für die Idee“, wie es in einem sehr gerafften Vorwort von Adonis zu der Sammlung heißt, oder, wie die Übersetzerin einführend meint, „elektrische Spannung als Entsprechung für Verstandesfragen“.
Doch so eigenwillig Enzensbergers Sprache, seine dichterischen Bahnen und Frequenzen sind, so aufnahmebereit muss gleichzeitig der Leser sein. Er muss sich zurecht finden können in einem Dickicht aus Symbolen und Wegweisern, das zudem immer dichter wird, je weiter er in ihm vordringt. Und wenn er zu Ende gelesen hat, sieht er sich der komplizierten Aufgabe gegenüber, den Text in all seinen Konnotationen nachzuzeichnen beziehungsweise so etwas wie eine Neufassung des Gedichtes vorzunehmen. Denn diese Texte stellen nichts Vollendetes dar; vielmehr verlangen sie ein stillschweigendes gemeinsames Vorgehen von Dichter und Leser, ähnlich dem zwischen einem Wahrsager und dem, der Auskunft über sein Schicksal begehrt: Beide geben einander ihre inneren Wünsche und Geheimnisse nicht preis.
Jedes dieser Gedichte ist ein Versuch, das Verborgene zu entdecken und ihm den Schleier zu entreißen. Der Dichter aber gibt, anders als der Wahrsager, keine tröstliche Auskunft. Er „öffnet“ hinter jeder Frage eine neue und lässt die Tür gerade so weit offen, dass man hineinspähen kann. Gibt die „Black Box“ den Fachleuten normalerweise Aufschluss über die Ursache eines Flugzeugabsturzes, so ist die „Schachtel“ Enzensbergers weit trügerischer. Sie zu öffnen bedeutet nicht, der Lösung näher zu kommen; vielmehr erscheinen in ihr nach und nach weitere ebensolche Schachteln, die nichts als Leere offenbaren. Zum Spielen sind diese Schachteln aber auch nicht da; es sind keine russischen Püppchen, die immer weitere gebären, nein, sie stellen eine tragische Blamage der Erkenntnistheorie dar, deren Geheimnissen die Menschheit auf die Spur gekommen zu sein sich einbildet. Das Gedicht „Erkenntnistheoretisches Modell“, von dem hier die Rede ist, imitiert in gewisser Weise die alte Theorie des Zweifels, derer sich schon Zenon von Elea bediente, als er die Sinnlosigkeit und die Absurdität der Welt zu erfassen versuchte und sich flehend an jenen Verstand wandte, den auch Enzensberger am Ende seines Gedichtes anspricht:
„Und wenn du / so weiter machst, / findest du / nach unendlichen Mühen / eine unendlich kleine / Schachtel / mit einer Aufschrift / so winzig, / daß sie dir gleichsam / vor den Augen / verdunstet. / Es ist eine Schachtel, / die nur in deiner Einbildung / existiert. / Eine vollkommen leere Schachtel.“

Enzensbergers Poesie besteht, anders als bei vielen Dichtern, nicht aus großen Worten und sprachlichem Popanz oder einer karnevalistischen Zurschaustellung von Vokabeln. Vielmehr benutzt Enzensberger eine einfache, knappe Sprache, die sinnlich bestimmt ist, in der für Ausführlichkeit und Aufgeblasenheit kein Platz ist und die im Gegenteil die Dichtung von Ballast und weitschweifiger Ästhetik befreit. Jede Vokabel ist sorgfältig berechnet und mit Bedacht an ihren Platz gesetzt, desgleichen jede Idee. Sofern es noch statthaft sein sollte, vom organischen Aufbau eines Gedichtes zu reden, so ist die Poesie Enzensbergers der konkrete Beweis für diese Art von Aufbau, bei dem jede Gedichtzeile ein unverzichtbarer Baustein des Gesamtgebäudes ist, wie die Übersetzerin in ihrem Vorwort bemerkt. Dabei wird jedoch nicht auf sprachliche Ästhetizismen, Verzierung und Ornamente gesetzt, sondern eher auf geistige oder mathematische Gesetzmäßigkeiten, die auf Beweisführung, Auslegung und indiziengestützter Logik beruhen. Das ist gewissermaßen Bildhauerei unter dem freien Himmel der Idee unter Verwendung von Rohmaterial ohne alle Zusätze. So wird schließlich aus Schutt und Trümmern ein glänzender Diamant gehoben.
Selten habe ich eine Poesie gelesen, die so tief mit dem menschlichen Unglück und der Verderbtheit der Welt in Beziehung steht wie die Poesie Enzensbergers. Dennoch drückt sich dieses Unglück nicht in lautem Wehklagen oder in seufzendem Gesang aus, sondern in bitterem Spott übers Dasein, welches mikroskopisch betrachtet, analysiert und durchleuchtet wird. Hinter den Zeilen schimmert ein schwarzer Humor hervor, der im letzten Moment zusammenbricht, wenn die eigentliche, bisher verdeckte Bedeutung der Worte zu Tage tritt und schicksalhafter Schrecken aufscheint. Jeweils am Gedichtende fühlen wir, dass irgendwo auf der Welt Betrug herrscht; wir fühlen uns betrogen und wissen nicht, ob vom Gedicht oder vom Leben. Jedes Gedicht ist ein Aufschrei gegen den Verlust und eine Warnung vor dem, was hinterrücks gegen einen geschmiedet wird, und kaum eines der in der Sammlung übersetzten Gedichte weicht von dieser angenommenen Regel ab.
„Chinesische Akrobaten“ ist der Versuch, auf dem dünnen Grat zwischen Technik und Grausen, zwischen Freude am Leben und Sterblichkeit, zwischen Rausch und Tod zu wandeln. Die Sätze tänzeln über die Seite und zeichnen damit die akrobatische Eleganz nach; die wiederholten „Aah“s hängen gleichsam an den Zirkusseilen. Das ganze Gedicht ist ein technisches Meisterwerk, das eine Begegnung mit dem Tod zum Ausdruck bringt, der „übersprungen“ wird. Und im Augenblick des höchsten Rausches „vergißt die Angst ihren Hunger / und die Lust ihre Angst“.
Das Gedicht „Weitere Gründe dafür, daß die Dichter lügen“ ist seinerseits der fast zwingende Beweis dafür, dass Schreiben die Realität nicht wiedergibt, sondern sie verrät und einwickelt. Schreiben ist das verspätete Aufmerksamwerden auf etwas, was bereits Vergangenheit ist oder der verbale Vorgriff auf etwas, was unvermeidlich geschehen wird, so als lebten die Dichter nur dafür, dass sie sagen können, was sie wollen, um sich selbst zu verwirklichen oder um Intelligenz oder Überlistung von Verzweiflung und Tod unter Beweis zu stellen. Was in der Sprache geschieht, ist etwas ganz anderes als das, was in der Realität geschieht, „weil der Augenblick, / in dem das Wort ‚glücklich’ / ausgesprochen wird, / niemals der glückliche Augenblick ist. / Weil, wer verzweifelt, / nicht Lust hat, zu sagen: „Ich bin ein Verzweifelnder.“ / Weil der Sterbende, statt zu behaupten: / „Ich sterbe jetzt“, / nur ein mattes Geräusch vernehmen läßt, / das wir nicht verstehen. / Weil die Wörter zu spät kommen / oder zu früh. / Und weil der, / von dem da die Rede ist, / schweigt.“

Etwas Flüchtiges und Trügerisches haftet der Dichtung Enzensbergers an. An keine Gewissheit darf man sich klammern, denn jede Gewissheit trägt den Zweifel bereits in sich. Alles in dieser Dichtung ist bruchstückhaft und relativ und lässt Platz für zahllose Eventualitäten, je nach dem, welche Maßstäbe man anlegt und wer aus welcher Perspektive die Dinge betrachtet.
Vielleicht zielt darauf auch das Gedicht „Erkennungsdienstliche Behandlung“ ab, in der die Person Dantes aufgespalten wird in einen Filmschauspieler, eine Wachsfigur, einen Nachäffer, einen von Dante träumenden Mann, eine Fotografie und einen, der sich für Dante ausgibt. Alle Identität ist demnach relativ und jede Wahrheit wiegt leicht, genau wie der Kern, der in ihren Tiefen verschwindet. Die Leichtigkeit entsteht hier nicht, wie bei Kundera, aus dem Wunsch des Wesens nach Auslöschung aufgrund von Angst und Unterdrückung, sondern sie besteht in allen Phänomenen und all unseren Gelüsten. Sie existiert in Zahlen, Strahlen, Rauch, Helium, einem Ball oder einem Ballon, und Leichtigkeit ist das, „was von uns übrigbleibt, / wenn wir unter der Erde sind.“ Der Gedanke an das Vergängliche haftet überhaupt den meisten Gedichten an, auch wenn er in unterschiedlichen Erscheinungsweisen auftritt, wie in „Die Freude“, „Der Neue Mensch“, „Eine zarte Regung“, „War da was“ und anderen Gedichten.
Es verlangt nicht viel Mühe festzustellen, dass Enzensberger den Anspruch der Philosophie, im Alleinbesitz der Wahrheit zu sein, nicht anerkennt, auch wenn dies in einem Land geschieht, das die Philosophie seit Jahrhunderten in den höchsten Rang erhebt. Seine Dichtung wirkt auf dem Boden des Geistes und schürft in ihm nach dem, was die Philosophie für ihren ausschließlichen Zuständigkeitsbereich hält. Es ist eine Dichtung der Erkenntnis und des Erforschens am Rande gähnender Abgründe von Zeiten und Schicksalen, und es gelingt ihr, der Philosophie mit wenigen Worten und einer asketischen Eloquenz den Boden zu entziehen oder sie doch zumindest weitgehend ihrer Beschäftigung zu berauben.

Aus dem Arabischen von Günther Orth

Erschienen in: DIWAN, 2005
 
Ahmad al-Aidi (Ägypten)
Deutschland auf der Kairoer Buchmesse: Tango im Minenfeld

Die Ägypter strömen derzeit zum wichtigsten Kulturereignis des Jahres: der 38. Internationalen Kairoer Buchmesse. Sie kommen, um Kuschari zu essen, ein billiges Nationalgericht aus Reis, Linsen und Nudeln, und um sich auf der Suche nach Wärme und Unterhaltung im erstbesten Veranstaltungszelt niederzulassen. Sie können aber auch Free Dancing beim DJ betreiben. Besonders anspruchsvoll ist die orientalische Variante, bei der das Gesäß ordentlich geschüttelt wird. Andere wiederum kaufen sich religiöse Hörkassetten, die ihnen einen Weg ins Paradies weisen. An den entsprechenden Ständen dröhnen die Prediger aus allen Lautsprechern in einer Tonlage, die sonst nur die NASA einsetzt, um mit Außerirdischen zu kommunizieren. Vielleicht will man aber auch Tote erwecken. Manche kommen auch, um an der „Azbakiya“ ein Schnäppchen zu machen, denn hier werden antiquarische Bücher zu Billigstpreisen angeboten.
Die Kairoer Buchmesse hat in diesem Jahr einen neuen Chef, Nasser El Ansary, durch den sich die Buchmesse grundlegend gewandelt hat. Es gelang ihm nämlich durch Gottes Hilfe, die Kuschari-Stände getrennt von den Beefburger- und Donutbuden aufstellen zu lassen. Schließlich wollen die Reichen nicht mit den Armen essen. Zudem ließ er große Schilder mit den Namen berühmter ägyptischer Schriftsteller aufhängen: Nagib Mahfuz, Taha Hussein usw. So groß, dass sie die Buchverkaufsstände im Freiluftbereich verdeckten. Es ging sogar das Gerücht um, dass gestreikt werden solle, weil durch die Schilder die Verlagsnamen nicht mehr sichtbar waren. Diese Tölpel wollten einfach nicht begreifen, dass Herr El Ansary sie mit den Schildern nur vor dem bösen Blick schützen wollte. (Sie wurden dennoch am nächsten Tag entfernt.)
Die Buchmesse findet in zeitlicher Überschneidung mit der Afrikanischen Fußballmeisterschaft statt, die in diesem Jahr ebenfalls von Ägypten ausgerichtet wird. Man beschloss daher, die Buchmesse am 20., 24. und 28. Januar bereits um 15 Uhr zu schließen, denn an diesen Tagen spielt die ägyptische Nationalelf. Da dies jedoch den Zorn der ägyptischen und anderer arabischer Verleger hervorrief, beschloss man wiederum, die Messe bis zum 3. Februar zu verlängern.
Zur diesjährigen 38. Buchmesse wurde Deutschland als Ehrengast geladen. Ägypten möchte damit eine Tradition der Frankfurter Buchmesse nach Kairo übertragen ― ein Versuch, der an einen Analphabeten gemahnt, der einen Satz abschreibt, ihn aber in Wirklichkeit nur nachmalt. Es ist der Versuch einer Nachahmung, der mit einem Maß an Unwissen betrieben wird, dass man sich schon über das Ergebnis freut, bevor es eines gibt.
Der erste Tag der Messe (der 17. Januar) war für die Eröffnung durch Staatspräsident Mubarak reserviert. Ohne Genehmigung durch die Sicherheitsbehörden war jeder Atemzug und jede Bewegung verboten. Publikum war nicht zugegen.
Sodann beschloss Herr El Ansary – möge Gott ihm Ehre erweisen! –, die ersten beiden Messetage für Verleger zu reservieren, um es den Verlagen so zu ermöglichen, Lizenzen für die Übersetzung ins Arabische und aus dem Arabischen zu kaufen und zu verkaufen. Auch diese unangekündigte Entscheidung erregte allgemeinen Unmut in einem Land, das aus rein wirtschaftlichen Gründen auf breiter Front Buchpiraterie betreibt.
Wenn ein Ägypter an Deutschland denkt, assoziiert er damit automatisch Mercedes-Benz-Limousinen ― und das Goethe-Institut, das die ägyptische Intelligenz aufsucht, um kostenlos edlen Wein zu trinken, gute Küche zu genießen und gleichzeitig bedeutenden Kulturveranstaltungen zu lauschen, zu denen die Gebildeten schweigend und verständnisvoll nicken, was einerseits Weisheit zum Ausdruck bringt und andererseits einem gesunden Kauen zuträglich ist.
Vor dem Start der Buchmesse ritten manche kulturelle Kreise in Ägypten Attacken gegen Deutschland. Sie verlangten Aufklärung darüber, warum man ausgerechnet Deutschland als Gast gewählt habe. (Ich für meinen Teil kann ihnen nur beipflichten; schließlich ist es gänzlich unerheblich, dass die Frankfurter Buchmesse die weltweit bedeutendste Messe ihrer Art ist. Warum nicht Libyen oder Afghanistan?)
Ich glaube, dass der zweite Grund dafür, dass man Deutschland dieses Jahr nach Kairo einlud, der Wunsch Ägyptens war, nett zu den Deutschen zu sein, damit diese ihrerseits Ägypten zum Ehrengast einer der nächsten Frankfurter Buchmessen machen. In der Literatur- und Kulturzeitschrift Achbar al-Adab wurde Juergen Boos als Geschäftsführer der Frankfurter Buchmesse unumwunden und ohne jegliches journalistisches Taktgefühl gefragt: „Und was kann Ägypten tun, um 2010 oder 2011 Gastland zu werden?“ (Wie Sie sehen, bekommen wir Ägypter gerne etwas gratis und erwarten für jede Leistung eine Gegenleistung.)
Während die Ägypter auf den Veranstaltungen, die die General Egyptian Book Organization ausrichtete, mit Stromausfällen und einem entwürdigenden Mangel an Sitzplätzen zu kämpfen hatten, blieb Deutschland von solchen Possen wie durch ein Wunder verschont. Die deutschen Veranstaltungen waren straff und ausgewogen und bekamen lediglich von der französischen Seite aktive Konkurrenz, während die Amerikaner vor allem auf Autogrammstunden mit ägyptischen Literatur- und Kulturstars setzten.
Auffällig war jedoch, dass der ägyptische Merit-Verlag im deutschen Programm außen vor blieb. Dieser unabhängige Verlag legt in diesem Jahr 50 neue Titel aus den Bereichen Literatur, Politik und Soziologie vor – eine Rekordzahl im Vergleich mit anderen ägyptischen und arabischen Verlagen – und fünf mit deutscher Unterstützung aus dem Deutschen übersetzte Bücher (2004 und 2005 waren es insgesamt 25!). Der Verlagschef Mohammed Haschim war in den vergangenen drei Jahren auch auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast, aber er ist ein Oppositioneller. Es scheint, dass die Deutschen, die sich nicht scheuten, ihn nach Frankfurt einzuladen, nun plötzlich Angst davor haben, einen oppositionellen Kulturschaffenden als Gast bei sich auftreten zu lassen und den Gastgeberstaat damit zu verprellen. Das ist verständlich, kann jedoch nicht stillschweigend übergangen werden.
Die deutschen Veranstaltungen auf der Kairoer Buchmesse, die ich bis zum Abfassen dieser Zeilen besuchen konnte, waren Beleg dafür, dass Deutschland sich keinerlei Einschränkungen auferlegen lässt, wenn es darum geht, mit der Geschicklichkeit eines Minenräumers, der seine Schritte sicher wie ein Tangotänzer zu setzen weiß, auch kritische und heikle Themen zu berühren. Gleichzeitig haben die deutschen Organisatoren durch ihre Präsenz und ihre deutliche Vielfalt an kulturellen Themen der ägyptischen Seite Ehre erwiesen, wie nur ein Tangotänzer es vermag. Es obläge Deutschland jedoch in kommenden Jahren, sich die richtige Tanzpartnerin zu wählen, denn eine Auswahl nur nach Sympathie ist dem guten Ruf abträglich.
Übersetzung aus dem Arabischen: Günther Orth

Erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 24.1.2006
 
Adonis - "Alte Handschriften von al-Mutanabbi, neu entdeckt" (1998)
Hischam al-Futi                     
(Gestorben 211 oder 221 isl. Zeit. Philosoph der rational ausgerichteten Mu’tazila-Schule, die die Erschaffenheit des Koran vertrat, wegen seiner Ansichten als „Satan“ verketzert)

Hischam sagte einst:
„Blieben die Menschen ohne Feindschaft und Gram,
so bräuchten sie nie mehr einen Imam.“           
Wahr ist‘s, es braucht nur da einen Sultan,
wo Feindschaft herrscht und Unrecht wird getan.
Nannten sie ihn dafür wohl Satan?
 
Abu al-Atahiya
(Gestorben 211 isl. Zeit. Kalif al-Mahdi al-Abbasi ließ ihn einsperren, weil er keine Poesie mehr verfasste, und drohte ihn zu töten, sollte er nicht wieder dichten)

Er gab das Dichten auf und wollte keine Verse mehr vortragen.
Welch heimlichen Grund gab’s für diesen Entscheid?
Ist Dichtung nur Spiel, ein Weg ohne Ziel,
der nichts uns lehrt als flüchten weit?
War’s das Gefühl, es sei nur Abenteuer, ein Fall ins Bodenlose jederzeit?
Und was erboste sich der Kalif und kerkerte ihn ein:
„Gefangen sollst du bleiben,
fängst du nicht wieder an,
zur Hinrichtung halte dich bereit!
Ich gebe dir noch einmal Zeit.“
Er nahm das Dichten wieder auf, und wurde aus der Haft entlassen.
Doch was für Dichtung schrieb er fortan:
Warn’s Verse zum Lob des Kalifen,
oder Poesie von Selbstehrung und Leid?
Jener Dichter, der Verkäufer war von Tonkrügen zu Beginn seiner Zeit…

Aus dem Arabischen von Günther Orth